reisen & wein
In der Regel reist der Wein aus den weltweit verstreuten Weinbaugebieten zu uns. An strategischen Punkten wie Vinotheken oder Lebensmittelgeschäften kann man ihn dann abholen, in Bars oder Restaurants genießen oder man bekommt ihn gleich direkt vor die Haustüre geliefert. Dennoch zieht es uns irgendwann in die Landschaft der Herkunft. Es ist eine Mischung aus Sehnsucht und Neugierde – man will wissen woher gerade dieser Geschmack und diese Textur stammt, wo die Erde liegt, die diesen Wein hervorgebracht hat. Glücklich sind dann die, die in oder in der Nähe einer Weinregion leben, wo der Besuch des Winzers so etwas selbstverständliches ist wie der Weg zum Bäcker.
So ging es auch uns: Der Besuch der Weinregionen um Wien, das Kosten vor Ort, das Entdecken von Unbekanntem, die Begenung mit großen Namen, Weinfeste, gutes Essen und nicht zuletzt das Schleppen von zahllosen vollen Weinkisten.
Und neben dem Wein konsumiert man auf Reisen auch immer die Landschaft. „Wo Wein wächst ist es schön“, sagt ein Sprichwort und tatsächlich überfällt einen ein visuelles Glücksgefühl, wenn man auf einer der unzähligen Weinstraßen unterwegs ist. Man ist glücklich dem Ursprung dieses großen Produktes so nahe zu sein, etwas zu erfahren, dass es nur hier so gibt und sich von der Harmonie zwischen den Rebzeilen und der Natur anstecken zu lassen. Zweifellos besitzen Weinlandschaften eine Aura.
Lange stellten wir keine Verbindung zwischen dem Wein und unserer zweiten großen Liebe der Fotografie her. Doch irgendwann wollten wir nicht nur die Weine, sondern auch die Landschaften mitnehmen und sammeln.
Wir waren im französischen Corbière Gebiet unterwegs und schlichtweg berührt von der wilden, heißen Schönheit dieser schroffen Tal- und Gebirgsformen am Fuße der Pyrenäen. Die Reben wachsen dort niedrig, buschartig und ohne Hilfe von Drahtgestellen aus der Erde und trotzen den heißen, wüstenartigen Böen. Das sah alles so anders aus als die üppigen, österreichischen Weinhügel. Wir hielten die Landschaft mit unserer Digiknipse fest. Doch irgendwie blieb von unserer Begeisterung in diesen Bildern nicht viel übrig.
So entschlossen wir uns, uns intensiv mit Landschaftsfotografie zu befassen und uns bei der nächsten Reise der Landschaft mit einem fotografischen Konzept und mit visueller Sorgfalt zu nähern.
Nach längeren Versuchen in den Weingärten Wiens um die richtige Technik und Form zu finden, führte uns unsere erste größere Reise bezeichnenderweise nach Armenien. Die dortige biblische Landschaft beansprucht für sich die Wiege der Weinkultur zu sein. Doch trotz der langen Tradition spielt das Land auf dem Atlas des Weltweinmarktes keinerlei Rolle. Hier hat sich gleich ein Charakteristikum von riuti manifestiert: nicht nur auf den Spuren von großen Gewächsen, Grand Cru Lagen oder Wertungspunkten zu sein, sondern auch den Nebenschauplätzen und Überraschenden großes Augenmerk zu schenken.
Fährt man durch österreichische Weingebiete, wird man oft dem Begriff Riede begegnen. Bezeichnet wird damit eine spezifische Weinlage, also ein besonderer, für den Weinbau relevanter Flecken Erde. Sucht man nach dem Ursprung dieser Bezeichnung, stößt man auf das althochdeutsche Wort riuti, womit Rodung gemeint ist.
Dieses Wort hat uns als Titel für unsere Arbeit besonders gut gefallen, denn es verweist einerseits auf die spezielle Charakteristik und Bedeutung eines Stücks Natur und andererseits auf die Nutzbarmachung dieser Natur durch den Menschen.
Diese Tatsache ist aber kein österreichisches Spezifikum. In allen Weinbauländern der Welt wird auf die Besonderheit des Ortes, der Lage hingewiesen – teilweise bestehen diese Namen schon seit unzähligen Generationen. Und das mit gutem Recht. Hier manifestiert sich die Liebe zur Natur und der Mut zum Besonderen und Lokalen. Man arbeitet mit der Natur zusammen, zeigt großen Respekt gegenüber ihren Produkten und vertritt das Erbe. Die Innovation findet dann im Weinkeller statt.
Das haben wir auf unseren bisherigen Reisen so erfahren. Und es ist etwas ganz Besonderes, wenn sich eine Landschaft über die Menschen erschließt, die diese bewirtschaften und lieben. Wir danken allen, die uns diese Liebe weitergegeben haben, die mit uns über unwegsame Schotterwege gefahren sind und durch Weingärten spaziert sind. Die uns erzählt haben, warum diese Landschaft für sie so besonders ist und die uns davon kosten ließen, was sie daraus gemacht haben.
Durch diese Reisen hat sich uns eine neue Welt erschlossen. Eine Welt der Landschaft und der Menschen, eine Welt, die wir mit unseren Bildern weitergeben wollen.